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Matilda spielt es nicht noch mal – von Marina Trost

Matilda spielt es nicht noch mal – von Marina Trost

Es gibt Romane, die nicht laut auftreten müssen, um lange nachzuklingen. Marina Trosts „Matilda spielt es nicht noch mal“ gehört zu dieser seltenen Gattung: ein Buch, das mit leichter Hand erzählt und doch Gewicht besitzt; das humorvoll ist, ohne harmlos zu werden; das von Ehe, Erinnerung, weiblicher Selbstbehauptung und späten Aufbrüchen handelt, ohne je in programmatische Thesenliteratur zu kippen.

Im Zentrum steht Matilda, eine Frau, die lange funktioniert hat. Sie hat sich eingerichtet in einer Ehe, in Routinen, in Erwartungen, in den vielen kleinen Zumutungen des Alltags, die für sich genommen kaum dramatisch wirken und in ihrer Summe doch ein Leben verstellen können. Ihr Mann Hannes ist kein Schurke, und gerade das macht die Geschichte interessant. Er ist nicht der große Bösewicht, gegen den sich die Heldin endlich befreien muss. Er ist vielmehr ein Mann, der sich daran gewöhnt hat, dass Matilda nachgibt. Einer, der ihre Wünsche zwar hört, aber nicht wirklich ernst nimmt. Einer, der sich das Leben eingerichtet hat und seine eigene Bequemlichkeit für Vernunft hält.

Schon die Ausgangsszene besitzt jene lakonische Kraft, aus der gute Literatur oft entsteht: Nach einem Streit an einer spanischen Tankstelle fährt Matilda einfach los und lässt Hannes zurück. Es ist eine Szene von beinahe filmischer Komik, aber unter der Oberfläche bebt etwas. Dieser Moment ist keine Laune, kein Klamauk, kein bloßer Ehe-Zwischenfall. Er ist ein Bruch. Oder genauer: die sichtbare Spitze eines Bruchs, der längst vorher begonnen hat.

Marina Trost erzählt diesen Prozess mit genauer Beobachtungsgabe. Sie interessiert sich nicht für plakative Emanzipationsgesten, sondern für die feinen Verschiebungen im Inneren einer Frau, die allmählich begreift, dass sie sich selbst aus den Augen verloren hat.

Matildas Wunsch nach einem Hund etwa ist kein niedliches Nebendetail. Er wird zum Symbol für ein Bedürfnis, das in ihrer Ehe keinen Platz gefunden hat: nach Wärme, Eigenwilligkeit, Verbindlichkeit, nach einem Leben, das nicht ständig von Hannes’ Einwänden korrigiert wird. Als Ludwig, der Hund, in Matildas Leben tritt, wirkt das nicht sentimental, sondern folgerichtig. Er ist nicht Rettungsanker im kitschigen Sinn, sondern ein Wesen, das Matilda zwingt, wieder im eigenen Rhythmus zu gehen. Die Entscheidung für den Hund ist Sinnbild einer inneren Befreiung mit dem Mut, selbstbewusst einen eigenen Weg zu gehen.

Besonders überzeugend ist, dass der Roman seine Figuren nicht vorschnell moralisch sortiert. Hannes bleibt in seiner Schwäche erkennbar menschlich. Seine Unfähigkeit zur offenen Kommunikation, seine Ausweichbewegungen, sein Hang zur Selbstrechtfertigung – all das wird kritisch gezeigt, aber nicht denunziatorisch.

Auch Sandy, jene störend übergriffige Figur, die scheinbar immer „nur helfen“ will, dabei doch meist eigene Interessen verfolgt, ist mehr als eine bloße Nebenbuhlerin oder Intrigantin. In ihr bündelt sich eine soziale Erfahrung, die viele Leserinnen kennen dürften: die Zumutung jener Menschen, die Grenzen überschreiten und ihre Neugier als Fürsorge tarnen.

Der Roman gewinnt zusätzliche Tiefe durch Matildas Blick zurück. Frühere Beziehungen, alte Fotos, politische Erinnerungen, Spuren der deutschen Teilung, das Interesse an dem „anderen“ deutschen Staat und die Faszination für Willy Brandts erweitern die private Ehegeschichte um eine historische Dimension. Das ist klug komponiert, weil es zeigt: Kein Leben beginnt erst dort, wo die gegenwärtige Krise sichtbar wird. Matildas Gegenwart ist durchzogen von Entscheidungen, Erinnerungen und verpassten Möglichkeiten, die noch heute schmerzen. Vergangenheit erscheint hier nicht als nostalgische Kulisse, sondern als Material, aus dem Identität geformt wird – manchmal auch gegen den eigenen Willen.

Dabei hat Marina Trost ein feines Gespür für symbolische Motive, ohne sie zu überfrachten. Die Esel, der Hund Ludwig, Matildas Schmuckdesign, die handwerkliche Arbeit mit Metall und Formen – all das fügt sich zu einem Netz von Bildern, das den Roman trägt. Besonders die kreative Arbeit Matildas ist mehr als Beruf oder Hobby. Wenn sie Einzelteile verbindet, Muster ordnet, Stabilität herstellt, liest man darin auch ihren Versuch, das eigene Leben neu zusammenzusetzen. Das ist schön gedacht und erzählerisch unaufdringlich gelöst.

Die Nachbarin Claudine, mit der sie eine enge Vertrautheit verbindet, zeigt die Faszination für selbstbewusste Frauen, die ihren eigenen Weg gehen, offen und zugewandt sind, und damit noch mehr an Ausstrahlung – auch für das andere Geschlecht – gewinnen.

Der Ton des Romans verdient besondere Erwähnung. Trost schreibt mit viel Sinn für Dialoge, Alltagssituationen und jene komischen Momente, in denen Menschen sich unfreiwillig entlarven. Dabei ist sie eine gute Beobachterin und entlarvt so manche Floskel.
Der Humor nimmt den ernsten Themen nicht die Schärfe, sondern macht sie zugänglicher.

Gerade weil der Roman nicht permanent bedeutungsschwer auftritt, kann er existenzielle Fragen stellen: Wie lange darf man sich arrangieren? Wann wird Rücksicht zur Selbstaufgabe? Was bleibt von Liebe, wenn Gespräche nur noch aus Manövern bestehen? Und wie findet eine Frau, die lange vernünftig war, zurück zu ihrer eigenen Unvernunft – jener kostbaren, lebensrettenden Unvernunft, die manchmal nötig ist, um wieder atmen zu können und frei zu sein?

Dass die Handlung gegen Ende turbulentere, beinahe kriminalistische Elemente komödiantisch aufnimmt, verleiht dem Buch zusätzliche Bewegung. Doch im Kern bleibt „Matilda spielt es nicht noch ma“ ein Figurenroman, die dem sich wahrscheinlich viele Frauen wiedererkennen werden.

Entscheidend ist nicht der äußere Effekt, sondern Matildas innere Verschiebung. Sie wird nicht über Nacht eine andere. Sie entdeckt vielmehr, dass die andere längst in ihr vorhanden war: mutiger, wacher, weniger bereit, sich kleinzumachen.

Gerade deshalb ist dieser (Frauen-)Roman interessant, weil er weibliche Selbstbestimmung nicht als Pose behandelt. Matildas Weg ist weder schrill noch ideologisch. Er vollzieht sich im Zwischenraum von Ehealltag, Erinnerung, Körpergefühl, Kreativität und spätem Trotz. Darin liegt seine Glaubwürdigkeit. Viele Bücher erzählen vom großen Neuanfang. Dieses erzählt genauer: vom Moment, in dem eine Frau begreift, dass sie nicht noch einmal dieselbe Rolle spielen wird.

Marina Trosts Roman ist warmherzig, klug und lebensnah. Er besitzt Witz, ohne flach zu sein, Tiefgang, ohne sich wichtigzumachen, und eine Heldin, der man nicht deshalb folgt, weil sie makellos wäre, sondern weil sie endlich beginnt, sich selbst ernst zu nehmen.

„Matilda spielt es nicht noch mall“ ist ein sehr gelungenes Buch über die stille Revolution einer Frau – über den Mut, nicht länger mitzuspielen, wenn das eigene Leben zur Nebenrolle geworden ist.


Matilda spielt es nicht noch mal“ von Marina Trost

Marina Trost: Matilda spielt es nicht noch mal.
BoD – Books on Demand, 2026. 232 Seiten, Paperback, 13,99 €.
ISBN 978-3-695-72939-5.

Auch als Kindle-E-Book erhältlich. Bezugsquellen: BoD Buchshop, Amazon, Hugendubel, eBook.de und im Buchhandel.


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