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Zwischen Acker und Abwehr

Zwischen Acker und Abwehr

Wie das Freiburger Weltraum-Startup constellr den Spagat zwischen Landwirtschaft und Sicherheit wagt

Das Freiburger Startup constellr wollte ursprünglich die Nahrungsmittelsicherheit verbessern. Doch geopolitische Spannungen eröffnen dem Unternehmen den Weg zu neuen Märkten.

von Holger Hagenlocher

FREIBURG. Was einst als Vision für eine bessere Nahrungsmittelversorgung begann, entwickelt sich zu einem der spannendsten Geschäftsmodelle der deutschen Raumfahrtbranche. Das Freiburger Startup constellr, 2020 von ehemaligen Fraunhofer-Forschern gegründet, steht vor einem fundamentalen Wandel: Während die satellitengestützten Temperaturdaten ursprünglich Landwirten helfen sollten, Ernteausfälle zu vermeiden, entdecken nun Staaten und Sicherheitsbehörden das militärische Potenzial der Technologie.

Von der Forschung ins All

Marius Bierdel, VP Constellr

Marius Bierdel, VP Programm Management bei constellr und ehemaliger Forscher am Fraunhofer-Institut für Kurzzeitdynamik, beschreibt die Anfänge des Unternehmens: „Wir wollten durch satellitenbasierte Temperaturmessungen einen messbaren Beitrag zur globalen Nahrungsmittelsicherheit und Nachhaltigkeit leisten.“

Die Idee war bestechend einfach: Kleine Satelliten, etwa 100 kg schwer und bei ausgeklappten Solarpanels mit einer Spannweite von drei Metern, messen die Oberflächentemperatur der Erde und erstellen daraus detaillierte Wärmekarten.

Bereits zwei dieser hochentwickelten Satelliten schweben im Orbit, darunter der im Januar 2025 gestartete „Sky-Bee-1″ und der im Juni 2025 folgende zweite Satellit „Sky-Bee-2“. Die Daten helfen Landwirten, frühzeitig Hitzestress bei Pflanzen zu erkennen – ein entscheidender Faktor zur Sicherung der Ernten. Durch gezielte Bewässerung können so bis zu 40 Prozent Wasser eingespart werden.

Abhängigkeit von SpaceX als Risikofaktor

Die Ambitionen von constellr werden jedoch durch geopolitische Realitäten kompliziert. Um ihre Satelliten ins All zu bringen, ist das Freiburger Startup derzeit fast vollständig auf SpaceX angewiesen. „Wenn du Satelliten ins All schicken möchtest, gibt es momentan nicht viele Optionen: Du landest sehr schnell bei SpaceX“, beschreibt Bierdel die Marktlage.

Diese Abhängigkeit birgt erhebliche Risiken. So wurden für den Start von „Sky-Bee-2″ zehn Prozent des Satellitenwerts als US-Steuern fällig. „Das Geld ist gerade auf irgendeiner amerikanischen Bank geparkt, das ist sicherlich nicht schön für uns“, äußert Bierdel. Die Kosten können zwar nach dem Export – in diesem Fall ins Weltall – zurückgefordert werden, doch der Prozess ist mit erheblichem bürokratischem Aufwand verbunden und bindet dringend benötigtes Kapital.

Die Abhängigkeit von SpaceX führt auch zu operativen Herausforderungen. Kurzfristige technische Änderungen und Probleme bei SpaceX dazu, dass constellr den Start des ersten Satelliten mehrfach verschieben musste: Ursprünglich bereits für 2023 geplant, wurde der Termin zunächst auf Oktober 2024 und schließlich auf Januar 2025 verlegt. Diese Verzögerungen zeigen die enorme geopolitische Abhängigkeit europäischer Start-ups vom US-amerikanischen Monopolisten.

Hoffnung auf europäische Alternativen

constellr ist sich dieser Risiken bewusst und arbeitet aktiv an Alternativen. Besonders das bayerische Startup Isar Aerospace weckt Hoffnungen. Obwohl dessen erste Rakete „Spectrum“ im März 2025 beim Testflug vom norwegischen Weltraumbahnhof Andøya kurz nach dem Start abstürzte, sieht Bierdel in dem Unternehmen eine wichtige Alternative für die Zukunft.

„Wir hoffen auf das Gelingen der Raketenbemühungen von Isar Aerospace“, erklärt er. Der Testflug war der erste kommerzielle Start einer Orbitalrakete in Kontinentaleuropa außerhalb Russlands und wurde fast ausschließlich aus privaten Mitteln finanziert.

Während das Unternehmen seine Abhängigkeit von SpaceX zu reduzieren sucht und auf europäische Alternativen hofft, bleibt die Diversifizierung der Märkte ein zentraler Erfolgsfaktor. Neben der Landwirtschaft fokussiert sich constellr zunehmend auf Regierungen, Versicherungen sowie Umwelt- und Katastrophenmanagement.

In der Mitte der Satellit in der Größe eines deutschen Kühlschranks. Rechts und links die riesigen "Sonnensegel"
Der Satellit SkyBee 2 wurde unter Reinraum-Bedingungen produziert. Die Größe des Satellits (in der Mitte) ist mit der Größe eines kleineren deutschen Kühlschranks zu vergleichen.

Der lukrative Markt der Sicherheit

Die Vielseitigkeit der Temperaturdaten wurde schnell auch von anderer Seite erkannt. „Alles, was Wärme abgibt, wird für uns erkennbar“, erklärt Bierdel. Das schließt versteckte Landebahnen, die Auslastung von Kraftwerken oder andere sicherheitsrelevante Infrastrukturen mit ein. Dass die Nachfrage groß ist, zeigen bereits abgeschlossene Verträge: Schon vor dem eigentlichen Start der Satelliten hatte constellr Datenoptionsverträge im dreistelligen Millionenbereich unterzeichnet – ein klares Signal für das enorme Marktpotenzial der Freiburger Technologie.

Die erweiterte Anwendbarkeit hat constellr in den Fokus von Staaten und Akteuren der öffentlichen Sicherheit gerückt. Konkrete Details zu diesen neuen Geschäftsbeziehungen hält Bierdel unter Verschluss, betont jedoch: „Wir haben bestimmte Grenzen, in denen wir uns bewegen dürfen.“ Der Fokus liege klar auf NATO-Staaten – Geschäfte mit jedem Land kämen nicht infrage.

Die Expansion in den Sicherheitsbereich wirft unweigerlich ethische Fragen auf. Bierdel betont, dass constellr eine offene und lösungsorientierte Unternehmenskultur pflegt: „Entscheidungen über ethisch sensible Anwendungen der Technologie werden sorgfältig diskutiert, um die Werte des Unternehmens nicht zu gefährden.“

Die strategische Neuausrichtung ist nicht nur ethisch, sondern auch wirtschaftlich bedeutsam. Mit einer Gesamtfinanzierung von mehr als 50 Millionen Euro, die sich aus Venture Capital und Fördermitteln zusammensetzt, befindet sich constellr mit seinen rund 100 Beschäftigten noch in der Wachstumsphase. Zu den privaten Investoren gehören Lakestar und Vsquared Ventures.
„Wir haben stark vom Ökosystem in Deutschland und Europa profitiert, einschließlich der Europäischen Kommission und der Europäischen Raumfahrtbehörde“, erklärt Bierdel die Finanzierungsstruktur.

Ein digitaler Zwilling der Erde

Ein zentrales Zukunftsprojekt von constellr ist außerdem die Entwicklung eines sogenannten ‚digitalen Zwillings‘ der Erde. Mithilfe künstlicher Intelligenz und eigener Satellitendaten möchte das Startup so künftig großflächige Temperaturvorhersagen treffen und damit seine Kapazitäten deutlich erweitern.

constellr steht exemplarisch für die Herausforderungen junger Technologieunternehmen im Spannungsfeld von Innovation, Geopolitik und ethischer Verantwortung. Die geplante Erweiterung der Satellitenflotte und die kontinuierliche Weiterentwicklung der Infrarot-Sensor-Technologie sollen Genauigkeit und Auflösung der Temperaturdaten weiter verbessern.

Die Herausforderung liegt nun darin, das ursprüngliche Ziel der Nahrungsmittelsicherheit nicht aus den Augen zu verlieren, während gleichzeitig die lukrativen Möglichkeiten des Sicherheitsmarkts genutzt werden.

Das Bild zeigt am Beispiel Marokkos, wie der SkyBee-Satellit des Freiburger Start-ups constellr die Oberflächentemperatur analysiert.
Das Bild zeigt am Beispiel Marokkos, wie der SkyBee-Satellit des Freiburger Start-ups constellr die Oberflächentemperatur analysiert.

(hhr)

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