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Mit Superabsorbern gegen Müllberge

Mit Superabsorbern gegen Müllberge

Wie das Start-up MeMi Textiles aus Baden-Württemberg den Milliardenmarkt für Hygieneartikel nachhaltig verändert

von Holger Hagenlocher

kniti in der Detailansicht
Die Produktion der Hygieneprodukte erfolgt nahezu abfallfrei. Bereits bei Babywindeln, dem ersten Einsatzbereich, konnte MeMi mit der Marke kniti die Alltagstauglichkeit und Leistungsfähigkeit ihres Materials beweisen. Seit Frühjahr 2024 ist die mehrfach waschbare Windel am Markt

Was für Babys gut ist, könnte auch für Millionen Erwachsene zum Gamechanger werden: Das Start-up-Unternehmen MeMi Textiles aus dem schwäbischen Pliezhausen hat mit ihrer patentierten TSAcore-Technologie ein Textil entwickelt, das nicht weniger verspricht als die Revolution der Inkontinenzversorgung. Statt Wegwerfprodukten, die weltweit riesige Müllberge verursachen, sollen waschbare, hautfreundliche und leistungsstarke Textillösungen den Markt erobern – ein Ziel, das nicht nur die Umwelt, sondern auch Patienten und Pflegekräfte aufhorchen lässt.

„Wir wollten Textilien neu denken“, sagt Manuela Miller-Feigl, Mitgründerin und Technologin bei MeMi Textiles. Gemeinsam mit Franziska Nowak, verantwortlich für das Management, gründete sie das Start-up im August 2022. Schon damals war klar: Der Bedarf an nachhaltigen Alternativen zu chemischen Superabsorbern, wie sie in Einwegwindeln und Inkontinenzprodukten eingesetzt werden, ist riesig. „Unsere Vision war von Anfang an eine plastikreduzierte Zukunft – und die beginnt bei Alltagsprodukten mit hohem Abfallaufkommen“, betont Nowak.

Manuela Miller-Feigl und Franziska Nowak
Start-up MeMi Textiles hat den Milliardenmarkt Inkontinenz im Blick. Die Gründerinnen (v.l.n.r.) Manuela Miller-Feigl und Franziska Nowak wollen mit neu entwickelten Fasern den Müllberg reduzieren.

Nachhaltiger Superabsorber aus dem Stricklabor

Herzstück des Unternehmens ist der TSAcore, ein textiler Superabsorber, der ohne Chemie und Kunststoffe auskommt. Statt auf erdölbasierte Polymere setzt MeMi auf eine clevere Kombination aus Hochleistungsfasern, die in einem Hightech-Strickverfahren zu einem dünnen, flexiblen und extrem saugfähigen Textil verarbeitet werden. Der Clou: Die Saugfähigkeit bleibt auch nach zig Wasch- und Trockenvorgängen erhalten, denn die Fasern richten sich immer wieder neu aus.

„Mit TSAcore können wir bis zu 30 Prozent mehr Flüssigkeit aufnehmen als vergleichbare Textilien, und das bei deutlich schlankerem Design“, erläutert Miller-Feigl. Die Produktion erfolgt zudem nahezu abfallfrei, ein wichtiges Argument im Kampf gegen Plastikmüll und Ressourcenverschwendung. Bereits bei Babywindeln, dem ersten Einsatzbereich, konnte MeMi mit der Marke kniti die Alltagstauglichkeit und Leistungsfähigkeit ihres Materials beweisen. Seit Frühjahr 2024 ist die mehrfach waschbare Windel am Markt – mit über 1.500 zufriedenen Kunden.

Inkontinenz: ein Milliardenmarkt mit viel Müll

Rund 17 Prozent des Restmülls in Deutschland entfallen auf Windeln und Inkontinenzprodukte – eine gigantische Belastung für Umwelt und Entsorgungssysteme. „Allein dieses Problem zeigt: Der Bedarf an wiederverwendbaren Lösungen ist enorm. Mit TSAcore adressieren wir eine zentrale Herausforderung im Gesundheitswesen – den Spagat zwischen Hygiene, Komfort und Nachhaltigkeit“, so Nowak.

Die beiden Gründerinnen arbeiten daher mit Hochdruck daran, die Technologie für mittlere bis schwere Inkontinenz weiterzuentwickeln. Ziel ist es, eine nachhaltige Alternative zu den massenhaft eingesetzten Einwegprodukten zu etablieren, die zugleich den Anforderungen von Pflegekräften und Betroffenen gerecht wird. Erste Prototypen für saugfähige Einlagen, Windelhosen oder Unterlagen existieren bereits. Die Anwendungsmöglichkeiten sind vielfältig – von der häuslichen Pflege über Krankenhäuser bis hin zu Pflegeheimen.

Wettbewerb und Skalierung: MeMi setzt auf B2B-Partnerschaften

MeMi Textiles verfolgt dabei eine klare Strategie: Statt selbst zur Consumer-Marke zu werden, konzentriert sich das Unternehmen auf die B2B-Vermarktung. „Wir entwickeln die Technologie und die Textilien – die Vermarktung erfolgt über starke Partner in der Medizin- und Pflegebranche“, erklärt Miller-Feigl. Der Vorteil liegt auf der Hand: Wer bestehende Vertriebsnetze und medizinisches Know-how nutzt, kann schneller und effizienter in den regulierten Gesundheitsmarkt vordringen.

Dass MeMi Textiles mit seinem Ansatz überzeugt, zeigen auch die Erfolge bei Förderprogrammen und Investoren. Ein EXIST-Stipendium, die Start-up BW Pre-Seed-Finanzierung und das BSFZ-Siegel für Forschungsstärke untermauern die Innovationskraft des jungen Unternehmens. Bereits im Oktober 2023 schloss MeMi eine Pre-Seed-Finanzierungsrunde mit Business Angels ab – derzeit läuft die nächste Investitionsrunde. „Die Investoren bestätigen uns immer wieder: Unsere Technologie hat das Potenzial, eine ganze Branche zu verändern“, sagt Nowak selbstbewusst.

Nachhaltigkeit als Wettbewerbsvorteil

Im Gegensatz zu klassischen Hygieneherstellern, die nach wie vor auf chemische Superabsorber setzen, positioniert sich MeMi als Vorreiter der Kreislaufwirtschaft. Die Zero-Waste-Produktion, der Verzicht auf Chemikalien und die Langlebigkeit der Produkte sprechen nicht nur umweltbewusste Verbraucher an, sondern auch institutionelle Käufer. Gerade öffentliche Einrichtungen und Gesundheitssysteme stehen zunehmend unter Druck, nachhaltige Lösungen einzukaufen.

Die entwickelte Einlage in der Detailansicht
TSAcore ist ein textiler Superabsorber, der ohne Chemie und Kunststoffe auskommt. Statt auf erdölbasierte Polymere setzt MeMi auf eine clevere Kombination aus Hochleistungsfasern, die in einem Hightech-Strickverfahren zu einem dünnen, flexiblen und extrem saugfähigen Textil verarbeitet werden.

Hinzu kommt ein ökonomisches Argument: Durch die Wiederverwendbarkeit amortisieren sich die Produkte innerhalb von sechs bis neun Monaten – für Pflegeeinrichtungen und Privathaushalte ein signifikanter Vorteil. Auch in puncto Hautgesundheit bietet TSAcore einen Mehrwert: Die Textilien sind atmungsaktiv, hautfreundlich und Oeko-Tex Standard 100 zertifiziert. „Vor allem für Menschen mit empfindlicher Haut oder bei Langzeitnutzung ist das ein Muss“, so Miller-Feigl.

Bereit für den nächsten großen Schritt

In der Textil- und Hygienebranche stößt MeMi Textiles auf reges Interesse. Das Unternehmen plant, seine Technologie in den kommenden Monaten gezielt für den Inkontinenzmarkt zu optimieren und parallel Partnerschaften mit Herstellern und Anbietern im Pflegebereich auszubauen.

„Wir sind bereit für den nächsten großen Schritt“, sagen Nowak und Miller-Feigl übereinstimmend. „Unser Ziel ist es, in den kommenden Jahren die leistungsfähigste und nachhaltigste Alternative zu Einweg-Inkontinenzprodukten auf dem Markt zu werden.“

(hhr)

Die Gründerinnen (v.l.n.r.) Franziska Nowak und Manuela Miller-Feigl
Start-up MeMi Textiles hat den Milliardenmarkt Inkontinenz im Blick. Die Gründerinnen (v.l.n.r.) Franziska Nowak und Manuela Miller-Feigl wollen mit neu entwickelten Fasern den Müllberg reduzieren.

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