Mit Teilzeit und Arbeitszeitkonten gegen den Fachkräftemangel

Mangelnde Flexibilität der Bewerber erschwert Personalsuche

In einer Zeit, in der viel über New Work und die Flexibilisierung der Erwerbsarbeit gesprochen wird, entscheidet der Europäische Gerichtshof, dass Unternehmen die Arbeitszeiten ihrer Mitarbeiter lückenlos erfassen und dokumentieren müssen. Arbeitgeber sind gezwungen, sich wieder über Stechuhren oder andere Formen der Zeiterfassung Gedanken zu machen.

von Holger Hagenlocher

Dabei sehen neue Arbeitskonzepte vor, dass Mitarbeiter möglichst agil arbeiten. Das bedeutet flink und wendig, also weitgehend selbstbestimmt, wann und wo sie wollen. Dieses Konzept beruht vor allem auf Vertrauen. Doch mit dem Urteil des Europäischen Gerichtshof wird das Konzept der Vertrauensarbeitszeit, mit der Arbeitgeber die Einhaltung der Arbeitsleistung ihren Mitarbeitern anvertrauten, praktisch umgekehrt.
Doch wie steht es tatsächlich mit der Flexibilisierung der Erwerbsarbeit und wie können Unternehmen sich aufstellen, um ein attraktiver Arbeitgeber zu sein?

Mit Teilzeit und Arbeitszeitkonten gegen den Fachkräftemangel - Stefan Odenbach, König IDV, Gottmadingen
Foto: Holger Hagenlocher, Redaktionsbüro Hagenlocher

Für Stefan Odenbach, Geschäftsführer der König Gesellschaft für Image- und Dokumentenverarbeitung (König IDV), stellt der Standort in Gottmadingen im Landkreis Konstanz keinen Nachteil dar: „Es ist fraglich, ob unser Geschäftsmodell 500 Kilometer entfernt, in einem der Ballungszentren funktionieren würde, da wir dort unter Umständen keine Fachkräfte finden“, so der 38-jährige.
Das Unternehmen mit Sitz unweit der Schweizer Grenze erfasst alle Rezepte, die an ausländische Online-Versandapotheken, wie zum Beispiel DocMorris, geschickt werden und übernimmt die Abrechnung der Rezepte mit den Krankenkassen.

Die Digitalisierung wird in seinem Unternehmen zu neuen Arbeitsplätzen führen, prognostiziert Stefan Odenbach,
Foto: Holger Hagenlocher, Redaktionsbüro Hagenlocher
Die Digitalisierung wird in seinem Unternehmen zu neuen Arbeitsplätzen führen, prognostiziert Stefan Odenbach, Geschäftsführer bei König IDV in Gottmadingen. Hier zeigt er die E-Rezept-App, an deren Einführung das Unternehmen aktiv mitarbeitet.

Bis zu 50.000 Rezepte wandern am Tag durch die IT-Erfassungssysteme des Unternehmens. In der Summe werden pro Jahr rund fünf Millionen Rezepte erfasst und mit den gesetzlichen Krankenkassen verrechnet.

Damit konnte sich das Unternehmen, das aktuell 15 Mitarbeitende beschäftigt, in den letzten zwanzig Jahren ein Alleinstellungsmerkmal aufbauen und wurde deshalb 2016 von den zwei führenden Online-Versandapotheken übernommen.

„Mit einem Anteil von 80 Prozent der Belegschaft ist der Frauenanteil hoch. Viele davon arbeiten in Teilzeit“, berichtet Odenbach, der nach Fachkräften sucht, die flexible Arbeitszeiten bevorzugen. „An manchen Tagen im Monat haben wir sehr viel zu tun, an anderen weniger. Während zum Beispiel am Monatsende bis in den Abend gearbeitet werden muss, kann an anderen Tagen die Arbeitszeit entsprechend verkürzt werden.“
Gelöst werden die gelegentlich unregelmäßigen Arbeitszeiten mit Arbeitszeitkonten. „Wir stellen aber immer wieder fest, dass diese Flexibilität von vielen Arbeitnehmern gar nicht gewünscht wird“, bedauert Odenbach. „Bewerber favorisieren eher einen klar strukturierten „nine to five“-Job, also eine geregelte Arbeitszeit mit einem klar definierten Arbeitsende.“ Dieser Gegensatz sei die größte Herausforderung bei der Besetzung offener Stellen.

König IDV - E-Rezept
Die Digitalisierung wird in seinem Unternehmen zu neuen Arbeitsplätzen führen, prognostiziert Stefan Odenbach, Geschäftsführer bei König IDV in Gottmadingen. Hier zeigt er die E-Rezept-App, an deren Einführung das Unternehmen aktiv mitarbeitet.

König IDV beteiligt sich auch aktiv bei der Entwicklung am Pilotprojekt zur Einführung des elektronischen Rezepts (E-Rezept), das aktuell in Hamburg getestet wird. Zusammen mit der Techniker Krankenkasse, der Hanseatischen Krankenkasse sowie Unternehmen der Informationstechnologie wird ein CO2-sparendes, papierloses und sicheres System entwickelt, das zukünftig das gewöhnliche Rezept auf Papier ergänzen und irgendwann ablösen soll.
Auswirkungen auf die Anzahl der Mitarbeiter sieht Odenbach durch die Digitalisierung jedoch nicht. „Im Gegenteil. Der Anzahl der Arbeitskräfte im Abrechnungsbereich wird durch das E-Rezept noch steigen“, so der Experte, der momentan berufsbegleitend an seiner Dissertation zum Thema E-Rezept schreibt.

New Work

Gar nicht mehr so neu ist der Begriff New Work. Das Konzept wurde bereits in den 70er-Jahren vom Sozialphilosophen Frithjof Benjamin entwickelt. New Work, auf Deutsch: die neue Arbeit, soll die Möglichkeit schaffen, dass sich der Mensch als freies Individuum verwirklichen kann. So geht es ursprünglich vor allem um die sinnstiftende Funktion der Arbeit, aber auch um Werte wie Freiheit und Selbstständigkeit.
Erfinder Bergmann komprimiert es auf den Satz: New Work ist die Arbeit, die ein Mensch wirklich will.

Inzwischen ist New Work aber ein Sammelbegriff für alternative Arbeitsmodelle, die insbesondere im Kontext der Digitalisierung und der sogenannten Arbeitswelt 4.0 diskutiert werden. So ermöglicht es die digitale Technik, dass sich mit einem mobilen Endgerät, wie dem Laptop oder Smartphone, von fast überall und zu jeder Zeit arbeiten lässt, was auch dazu führt, dass Arbeit und Privatleben nicht mehr räumlich getrennt sind.
Die neue digitale Welt erfordert agile Unternehmen, weshalb Organisationsstrukturen mit festen Hierarchien und langfristigen Arbeitsverhältnissen grundlegend in Frage gestellt werden. (hhr)